Ein Anzug, drei Jahre, kein Bedauern
Der dunkelblaue Anzug hat mehrere Ordnungssysteme überlebt. Leo prüft, was Pflege und eine kleine Reparatur leisten können, ohne daraus eine Tugendprüfung zu machen.

Mein dunkelblauer Anzug hängt seit drei Jahren im selben Schrank. In dieser Zeit habe ich mehrere Notizsysteme, zwei Arbeitsplätze und meine Haltung zu schmalen Hosenbeinen gewechselt. Der Anzug hat die Veränderungen überwiegend durch Hängen begleitet.
Ich mag ihn nicht, weil er besonders aufregend wäre. Ich mag ihn, weil ich weiß, wie er sich anfühlt. Vor einem Termin muss ich nicht zusätzlich eine Entscheidung über meine äußere Identität treffen. Ich ziehe ihn an, kontrolliere den Kragen und merke meist erst im Aufzug, dass sich ein Katzenhaar sehr deutlich für eine Teilnahme entschieden hat.
Lange getragene Kleidung wirkt in Gesprächen über Stil schnell wie ein moralischer Verdienst. Das ist mir zu bequem. Ein teures Stück oft anzuziehen, macht seinen Besitzer noch nicht tugendhaft. Es kann auch einfach bedeuten, dass er nicht gern einkauft. Bei mir ist beides gemischt, je nach Jahreszeit und Kontostand.
Was mich mehr interessiert, sind die kleinen Eingriffe vor dem Ersatz. Ein lockerer Knopf, ein angegriffenes Futter, eine Stelle, an der etwas scheuert: Ich möchte sie früher bemerken. Nicht erst dann, wenn ich vor dem Termin die Jacke schließe und hoffe, dass niemand hinter mich tritt.
Bei der ZEIT findet sich eine Anleitung zum Flicken kleiner Löcher. An meinem Anzug würde ich schwierigere Arbeiten trotzdem jemandem überlassen, der das kann. Selbstüberschätzung ist keine Form der Textilpflege.
Für eine eigene Bestandsaufnahme brauche ich weder einen Stilberater noch eine neue Garderobe. Ich hänge das Stück ans Licht, sehe Nähte und Futter an und probiere es mit den Schuhen, mit denen ich es tatsächlich trage. Passt es noch zu meinem Körper und zu meinem Alltag? Das sind zwei Fragen. Ich sollte sie nicht beide mit dem Kaufpreis beantworten.
Der Anzug bleibt. Vielleicht braucht das Futter irgendwann Hilfe. Vielleicht ändere ich wieder meine Meinung über die Hose. Drei Jahre sind jedenfalls lang genug, um eine Beziehung zu einem Kleidungsstück zu entwickeln, und kurz genug, um darüber noch nicht von Tradition sprechen zu müssen.
Heute trägt ihn niemand. Er hängt im Schrank. Ich sitze in der mittelmäßigen Hose am Schreibtisch, die angeblich nur für zu Hause gedacht war und dort inzwischen eine erstaunlich verantwortungsvolle Stellung hat.


