Von meinem Großvater und einer Schere, die ich nicht benutze
Die Schere des Großvaters macht aus Leo keinen Schneider. Ein Knopf führt ihn trotzdem zur Frage, was sich vor dem nächsten Kauf noch reparieren lässt.

Die Schere meines Großvaters liegt in einer Schublade, die sich nur öffnen lässt, wenn man gleichzeitig an der linken Ecke zieht. Ich habe das Möbel seit Jahren. Die Schere auch. Repariert habe ich weder das eine noch das andere, wobei an der Schere nichts kaputt ist.
Karl-Heinz Böhm war Schneider in Wiesbaden. Für mich war er zunächst der Mann, der einen Stoff zwischen zwei Fingern prüfen konnte, ohne daraus eine Vorführung zu machen. Erst später begriff ich, wie viel Arbeit in einer solchen beiläufigen Bewegung steckte. Ich dagegen kann eine Viertelstunde über die Schulter eines Sakkos sprechen und bin anschließend erschöpft.
Aus seinem Haushalt bekam ich eine Uhr, die Schere und einige Sätze mit, die in der Familie gelegentlich als Weisheit weitergereicht werden. Einer lautet sinngemäß, guter Stoff löse die meisten Probleme. Ich vermute, mein Großvater hat das weder so allgemein noch so häufig gesagt, wie wir inzwischen behaupten. Es ist ein brauchbarer Familiensatz geworden. Das ist nicht ganz dasselbe wie ein belegtes Zitat.
Was die Schere nicht leistet
Sie macht mich nicht zum Schneider. Das ist die erste und offenbar schwerste Erkenntnis beim Erben eines schönen Werkzeugs. Eine Zeit lang hatte ich die Schere auf dem Schreibtisch liegen. Dort sah sie hervorragend aus, zwischen dem Notizbuch und der Lampe. Herr Schmitt hielt sie für ein Hindernis. Er war der Einzige, der eine klare Vorstellung von ihrer damaligen Funktion hatte.
Ich nahm sie irgendwann wieder weg. Das Werkzeug eines anderen Menschen als Beleg für den eigenen Geschmack auszustellen, kam mir auf Dauer etwas billig vor. Außerdem hatte ich Sorge um die Spitze, wenn der Kater den Schreibtisch neu ordnete. Das klingt weniger edel, war aber der unmittelbarere Grund.
Seitdem liegt sie in der Schublade. Ich benutze eine andere Haushaltsschere, und für Änderungen an Kleidung gehe ich zu jemandem, der sie ausführen kann. Dass ich dafür bezahle, ist kein Verrat am handwerklichen Erbe. Mein Großvater hat schließlich auch davon gelebt, dass andere nicht alles selbst konnten.
Vor dem nächsten Kauf
Neulich löste sich an einem Hemd ein Knopf. Ich legte es auf den Stuhl im Schlafzimmer. Dort sammeln sich Kleidungsstücke, deren Zustand zwischen tragbar und entscheidungsbedürftig liegt. Nach vier Tagen begann ich, im Internet nach einem ähnlichen Hemd zu suchen.
Das bemerkenswerte Wort in diesem Satz ist „ähnlich“. Mir fehlte kein anderes Kleidungsstück. Mir fehlte ein befestigter Knopf. Trotzdem war der Kaufweg bereits besser eingeübt als die Reparatur. Ich wusste, wo ich suchen musste, welche Größe ich gewöhnlich bestellte und wie lange eine Lieferung ungefähr dauern könnte. Beim Knopf musste ich erst das Nähzeug finden.
Der NABU erinnert in einem Beitrag über Kleidung und ihren Ressourcenverbrauch daran, dass auch Textilien eine materielle Vorgeschichte haben. Ich brauche die dazugehörigen Umweltfragen nicht mit einem besonders teuren Einkauf beantworten. Zunächst kann ich prüfen, was schon da ist und mit vertretbarem Aufwand wieder getragen werden könnte.
Bei mir liegt diese Prüfung inzwischen vor dem Warenkorb. Manchmal jedenfalls. Ich schaue nach der beschädigten Stelle, nach dem Stoff und danach, ob ich das Kleidungsstück tatsächlich noch gern anziehe. Ein ungeliebtes Hemd wird durch einen neuen Knopf nicht automatisch mein Lieblingshemd. Es darf trotzdem jemand anderem passen, statt als schlechtes Gewissen auf meinem Stuhl zu altern.
Die Änderungsschneiderei ist kein Beichtstuhl
Wer eine Änderungsschneiderei in Frankfurt sucht, hat meist eine konkrete Frage: Kann diese Hose kürzer, dieses Futter ersetzt, diese Naht geschlossen werden? Meine erste Frage ist gelegentlich weniger nützlich. Ich möchte wissen, ob sich das „überhaupt noch lohnt“. Dabei halte ich das Stück so, als müsste die andere Person meinen gesamten Konsum rechtfertigen.
Hilfreicher ist, den Schaden zu zeigen und das gewünschte Ergebnis zu beschreiben. Wie lang soll die Hose werden? Mit welchen Schuhen trage ich sie? Soll eine Reparatur möglichst unsichtbar sein, oder darf sie sichtbar bleiben? Ich lasse mir erklären, was mit diesem Stoff möglich ist, und frage nach dem Aufwand, bevor ich zustimme.
Einen allgemeinen Frankfurter Reparaturpreis werde ich Ihnen nicht nennen. Er wäre ohne konkretes Stück wenig wert. Material, Verarbeitung, Schaden und Betrieb unterscheiden sich. Ebenso wenig habe ich sämtliche Schneidereien der Stadt getestet. Ich kann Ihnen nur empfehlen, mit dem fraglichen Kleidungsstück hinzugehen, statt seine Rettung aus einem Foto im Kopf zu verhandeln.
Es ist mir passiert, dass eine Änderung nicht sinnvoll war. Auch das ist eine Auskunft. Niemand muss aus einem ausgetragenen Stoff eine Charakterprüfung machen. Aber die Frage zu stellen, bevor ich Ersatz bestelle, unterbricht wenigstens den Automatismus. Für jemanden mit meinen Gewohnheiten ist das bereits ein kleiner Eingriff.
Ich versuche, die Frage nach dem Weitertragen inzwischen auch beim Aufräumen zu stellen. Nicht jedes aussortierte Stück ist unbrauchbar, und nicht jedes behaltene Stück wird noch benutzt. Manchmal ist eine Entscheidung über einen Knopf einfacher als die Entscheidung, ob ich in diesem Hemd überhaupt noch ich selbst sein möchte.
Gebrauchsspuren
An der Schere meines Großvaters sind die Griffe blanker als der übrige Stahl. Diese Stellen interessieren mich inzwischen mehr als die Vorstellung, ich könnte mit ihr eine Familientradition fortsetzen. Sie zeigen, dass jemand sie gehalten hat. Oft, selbstverständlich, ohne jedes Mal einen Text darüber zu schreiben.
Ich werde nicht nachträglich lernen, einen Anzug zu schneidern, nur damit die Geschichte einen befriedigenden Schluss bekommt. Einen Knopf kann ich allerdings annähen. Langsam, mit mehreren Versuchen beim Einfädeln und einer Naht auf der Rückseite, die kein Erbstück werden sollte.
Das Hemd hängt wieder im Schrank. Die Schere liegt weiterhin in der klemmenden Schublade. Für die Schublade habe ich mir einen Termin vorgemerkt. Mein Großvater hätte vermutlich einfach das Werkzeug geholt.


