Goethestraße, ohne etwas zu kaufen
Ein schöner Mantel hinter Glas führt zu keinem Kauf. Leo geht weiter und stellt fest, dass ein Aufenthalt ohne Kassenbon auch eine Bank gebrauchen kann.

Ich kann auf der Goethestraße sehr langsam gehen, ohne etwas kaufen zu wollen. Das muss ich gelegentlich auch mir selbst erklären. Schaufenster sind schließlich dafür gebaut, aus einem Blick einen Wunsch zu machen. Bei mir genügt oft ein gut beleuchteter Mantel, und schon beginne ich, mein vorhandenes Leben als unzureichend ausgestattet zu betrachten.
An diesem Nachmittag bleibe ich trotzdem draußen. Der Mantel dürfte teuer sein. Das weiß ich nicht genau, weil ich weder das Schild suche noch hineingehe. Ich besitze einen Mantel. Er ist warm. Seine Beleuchtung zu Hause könnte allerdings besser sein.
Wer Frankfurt kostenlos erleben möchte, muss nicht so tun, als sei Geld bedeutungslos. Gerade in dieser Straße ist es ziemlich gegenwärtig. Es hilft mir aber, den Spaziergang nicht von einem Erwerb abhängig zu machen. Ich kann etwas ansehen und weitergehen, ohne dass aus dem Weitergehen eine Niederlage wird.
Dann möchte ich sitzen. Nicht in einem Café, einfach kurz sitzen. An diesem Punkt wird aus der eleganten Überlegung eine Frage nach einer Bank. Ich finde den Unterschied aufschlussreich: Meine Freiheit, nichts zu kaufen, ist nur halb so bequem, wenn jeder Aufenthalt einen Kassenbon braucht.
In einem Bericht über Frankfurts Fußverkehr und seine Hindernisse beschreibt die Frankfurter Rundschau eine nicht repräsentative Befragung. Die dort genannten Schwierigkeiten mit Gehwegen erinnern daran, dass ein Spaziergang nicht für alle dieselbe leichte Angelegenheit ist. Meine Betrachtung beginnt immerhin mit der Möglichkeit, einfach loszugehen.
Ich wende mich Richtung Alte Oper. Es ist kein geheimer Weg und kein Geheimtipp. Gerade deshalb gefällt er mir. Frankfurt muss nicht bei jedem Ausgang eine überraschende Entdeckung liefern. Manchmal genügt es, bekannte Häuser aus einer etwas weniger geschäftigen Entfernung zu sehen.
Auf dem Rückweg fällt mir ein, dass ich zu Hause noch Kartoffeln schälen muss. Der Mantel verliert dadurch nichts von seiner Schönheit. Er wird nur wieder zu einem Mantel in einem Schaufenster, statt zur Lösung eines Problems, das ich vor zwanzig Minuten noch nicht hatte.
Später frage ich Anna, ob unsere Flurlampe zu hell sei. Sie sieht mich eine Weile an. Dann sagt sie, der Mantel im Flur sei jedenfalls derselbe wie am Morgen.


