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Der Bembel-Brief ↗

Der Bembel-Brief: Ein Monat mit weniger Vorsätzen

Eine ruhige Woche, ein Sonntag und eine Jacke, die nichts erklären muss. Dazu eine kleine Leseauswahl und die monatliche Entschuldigung an den Schneider.

Ein offener Brief neben einer Kaffeetasse und einem Herbstblatt.
Illustration für Dandy Digital

Guten Abend,

im Oktober habe ich mir weniger vorgenommen als gewöhnlich. Ich würde gern berichten, dass dadurch sofort mehr Ruhe eingekehrt sei. Zunächst war lediglich die Liste kürzer. Ich brauchte einige Tage, um sie nicht mit Dingen zu ergänzen, die mir während der frei gewordenen Zeit einfielen.

Eine leere Stelle hat bei mir offenbar einen Aufforderungscharakter. Das gilt für den Kalender, den Schrank und gelegentlich sogar für diesen Brief. Dabei muss nicht alles, was noch hineinpasst, auch hinein. Ich versuche, das zu berücksichtigen, während ich die folgenden Absätze schreibe.

Die Woche ohne sichtbares Gedränge

Ich hatte eine ruhige Arbeitswoche und war darüber zunächst wenig erfreut. Nicht weil mir eine wichtige Aufgabe fehlte, sondern weil der Kalender meine Bedeutung unzureichend darstellte. Im Journal habe ich davon erzählt. Rückblickend beschäftigt mich weniger der leere Montag als meine erste Reaktion darauf.

Ich wollte die Lücke zeigen können, ohne dass sie wie eine Lücke aussah. Also dachte ich an neue Einträge, an Akquise, an einen ausführlicheren Plan. Ein Teil davon war sinnvoll. Ein anderer Teil hätte lediglich dafür gesorgt, dass ich am Ende wieder glaubwürdig über meine Beschäftigung hätte klagen können.

Die vier notierten Ergebnisse halfen mehr. Nicht weil vier eine besondere Zahl wäre. Ich musste einfach entscheiden, was bis Freitag fertig sein sollte. Das ist gelegentlich die unangenehmere Form von Freiheit: Es fehlt niemand, dem ich die Reihenfolge vollständig überlassen kann.

Für die nächste ruhige Woche habe ich mir deshalb kein neues Verfahren ausgedacht. Ich möchte zunächst dasselbe Blatt benutzen, mit anderen Aufgaben. Eine Methode verdient meines Erachtens eine zweite gewöhnliche Anwendung, bevor ich sie benenne.

Ein Sonntag, der nicht zum Montag wurde

An einem Sonntagabend war ich im Park, dann zu Hause und schließlich müde. Viel mehr ist nicht geschehen. Ich habe darüber einen langen Text geschrieben, was mich selbst ein wenig belustigt. Die Notiz aus dem Westend handelt allerdings weniger von einem ereignisreichen Abend als von meiner Neigung, ihn nicht in Ruhe lassen zu können.

Vorbereitung ist vernünftig. Ich möchte morgens weder Schlüssel noch Unterlagen suchen. Aber wenn ich am Sonntag die Tasche kontrolliere, muss ich nicht gleichzeitig meinen beruflichen Kurs und die allgemeine Lage der Wohnung überprüfen. Für das meiste gibt es andere Tage, an denen es ebenfalls unvollkommen bleiben kann.

Eine kleine Änderung hat sich gehalten: Sobald die notwendigen Sachen bereitliegen, schließe ich den Kalender. Nicht als feierliches Ritual. Ich mache das Fenster zu, durch das der nächste Tag bereits in die Wohnung blickt. Wenn noch etwas wirklich Wichtiges auftaucht, wird es vermutlich auch ohne dauerhaft offene Wochenansicht auffallen.

Anna hält von dieser Beschreibung des Kalenderfensters wenig. Sie sagt, ich könnte schlicht schreiben, dass ich den Rechner zuklappe. Sie hat recht. Der Rechner ist anschließend zu.

Die Jacke, die nichts erklären muss

Ich habe im Oktober öfter dieselbe Jacke getragen. Das könnte man als bewusste Beschränkung darstellen. Tatsächlich hängt sie nah an der Tür und passt zu den meisten Dingen, die ich in diesen Wochen anziehe. Gute Gewohnheiten entstehen manchmal aus sehr praktischer Faulheit.

Die Jacke erinnert mich an die Frage, die beim Schreiben über Marken und Anzüge wieder auftauchte: Muss etwas dauernd einen besonderen Eindruck machen, oder soll es eine konkrete Aufgabe verlässlich erfüllen? In meinem Beruf ist das schnell eine große Debatte. Im Flur ist die Antwort kleiner. Ich will hinaus und möchte nicht frieren.

Eine Naht am Futter werde ich ansehen lassen. Mehr Entwicklung braucht diese Geschichte gerade nicht. Es ist angenehm, einen Gegenstand weiterzubenutzen, ohne ihm dafür eine gesamte Haltung zuschreiben zu müssen.

Beim nächsten Schaufenster werde ich vermutlich trotzdem stehen bleiben. Ich kann einen Mantel schön finden und meine Jacke behalten. Diese beiden Vorgänge müssen sich nicht jedes Mal auf eine gemeinsame Kaufentscheidung einigen.

Eine Empfehlung: einen Feed klein halten

Im vergangenen Monat habe ich einen kurzen bekannten Weg empfohlen. Diesmal empfehle ich, auch eine digitale Auswahl klein zu halten. Falls Sie einen RSS-Reader nutzen oder ausprobieren, beginnen Sie mit den Seiten, auf deren Texte Sie wirklich warten. Nicht mit der Liste, die ein gründlich informierter Mensch Ihrer Meinung nach lesen müsste.

Ich hatte zeitweise mehr ungelesene Beiträge gesammelt, als ich in einem ruhigen Monat hätte lesen wollen. Das war kein Informationsmangel. Es war eine Ablage meiner Vorstellung davon, wie belesen ich gern wäre. Die Beiträge wurden nicht schlechter. Sie hatten nur alle denselben unverdienten Auftrag bekommen, etwas über mich auszusagen.

Ich habe einige Quellen entfernt und andere behalten. Wenn ich eine vermisse, kann ich sie wieder aufnehmen. Diese einfache Umkehrbarkeit ging in meinem Gefühl, eine endgültige Auswahl treffen zu müssen, etwas verloren.

Der Feed dieses Journals enthält Hinweise auf die veröffentlichten Texte. Auch er muss nicht vollständig abgearbeitet werden. Ich schreibe lieber einen Beitrag, zu dem jemand freiwillig zurückkehrt, als eine Reihe, die wie eine überfällige Aufgabe im Reader liegt. Das ist meine Absicht. Ob die Texte sie einlösen, dürfen Sie entscheiden.

Wenn Sie ohne Reader lesen möchten, bleibt das Archiv erreichbar. Es ist keine schlechtere Form des Lesens, eine Website gelegentlich selbst aufzurufen. Ich muss nicht jede Vorliebe in eine kleine technische Grundsatzentscheidung verwandeln.

Eine Entschuldigung an meinen Schneider

Diesen Monat habe ich eine Hose abgeholt und auf die Frage nach der Länge zunächst geantwortet, sie solle „einfach richtig“ sein. Das war keine Auskunft. Es war eine hübsch verpackte Abgabe meiner eigenen Entscheidung.

Wir sahen sie dann mit den betreffenden Schuhen an. Es wurde sofort konkreter. Ich konnte zeigen, was mich störte, und bekam erklärt, was sich ändern ließ. Das Gespräch dauerte kaum länger als mein erster unbrauchbarer Satz, war aber wesentlich freundlicher zur Arbeit des anderen Menschen.

Ich nehme mir nun nicht vor, ab sofort in jeder Situation präzise zu sprechen. Das wäre ein recht großer Vorsatz für jemanden, der vorhin noch von Kalenderfenstern schrieb. Ich möchte beim nächsten Mal einfach die Schuhe mitbringen und die Frage beantworten, die gestellt wird.

Für die kommenden Wochen bleiben ein paar offene Notizen. Ich werde sehen, welche davon einen eigenen Text tragen.

Damit endet der zweite Bembel-Brief. Vor mir steht eine Tasse, auf dem Stuhl liegt eine Jacke, und im Kalender wartet bereits der November. Ich werde ihm heute keine zusätzlichen Termine verschaffen.

Ihr

Leo Winter