Sonntagabend im Westend
Ein Sonntagabend braucht weder einen Ausflug noch eine vollständige Wochenplanung. Leo geht aus dem Westend in den Park und kommt ohne besondere Entdeckung zurück.

Sonntagabend im Westend beginnt bei mir nicht zu einer festen Uhrzeit. Er beginnt, wenn ich die Tasche für Montag sehe und beschließe, zunächst etwas anderes zu tun.
Das andere kann sehr verschieden sein. Ein Buch, der Abwasch, ein kurzer Gang, eine gründliche Durchsicht von Nachrichten, die ich am Freitag bereits gelesen habe. Ich kenne diese kleine Verschiebung gut. Der Sonntag ist noch da, aber ich behandle ihn schon wie den Flur vor dem Montag.
Gestern stand ich am schlecht isolierten Fenster und prüfte, ob es wirklich so stark zog, wie ich behauptete. Es zog. Damit war wenigstens eine meiner Beschwerden empirisch abgesichert. Auf der Straße ging jemand mit einer Tasche vorbei, hinter einem anderen Fenster wurde eine Lampe eingeschaltet. Frankfurt-Westend sah aus, als müsse es mich gerade zu nichts auffordern.
Herr Schmitt saß auf dem Stuhl, auf dem eigentlich meine Sachen lagen. Ich ließ ihn sitzen. Ein besetzter Stuhl ist immerhin ein klarer Sachverhalt.
Der Ausgang muss kein Ausflug sein
Wenn ich sonntags in Frankfurt spazieren gehe, gerate ich manchmal in denselben Ehrgeiz wie an einem Arbeitstag. Ich möchte einen schönen Weg wählen, eine gute Stunde verbringen und hinterher das Gefühl haben, sie richtig genutzt zu haben. Es fehlt dann nicht mehr viel, und ich müsste eine kurze Auswertung schreiben.
Gestern blieb ich näher an der Wohnung. Ein paar Straßen, ein Stück Park, wieder zurück. Ich nahm keine Kamera mit. Das war kein bedeutender Entschluss gegen die Bilderflut, sondern hauptsächlich die Folge eines fast leeren Akkus. Mir ist an dieser Erklärung gelegen, weil ich aus günstigen Zufällen gern nachträglich Überzeugungen mache.
Im Grüneburgpark musste ich nichts besichtigen. Ich sah Menschen, die redeten, jemanden mit einem Hund und ein Kind, das an einer Sache interessiert war, die ich aus der Entfernung nicht erkennen konnte. Ich musste nicht herausfinden, was es war. Nicht jede beobachtete Szene schuldet mir eine Geschichte.
Es gab keinen besonders schönen Moment, der sich als Mittelpunkt dieses Absatzes aufdrängt. Gerade das tat mir gut. Ich ging weiter, bis ich wieder Lust auf die Wohnung bekam. Draußen zu sein hatte seinen Zweck erfüllt, ohne dass ich ihn vorher festgelegt hatte.
Was am Sonntag vorbereitet werden muss
Wieder zu Hause sah ich die Tasche für Montag an. Ich prüfte, ob die Unterlagen darin waren. Das dauerte einige Minuten. Dann hing ich die Jacke auf und machte in der Küche Platz.
Ich kann nicht behaupten, Vorbereitung schade grundsätzlich dem Wochenende. Ein fehlender Schlüssel am Montagmorgen ist keine poetische Unordnung. Es gibt Dinge, um die ich mich vernünftigerweise vorher kümmere. Nur ist es bei mir schwer, nach den nötigen Dingen aufzuhören.
Aus einem Blick auf den nächsten Tag wird schnell die ganze Woche. Aus der ganzen Woche wird eine Liste dessen, was ich in meinem Beruf, meiner Wohnung und meiner Person gern einmal grundsätzlich verbessern würde. Für einen Sonntagabend ist das ein recht großer Arbeitsauftrag. Besonders, wenn man noch essen möchte.
Ich versuche deshalb, eine Grenze zwischen Bereitlegen und Durchplanen zu ziehen. Morgen brauche ich diese Tasche und den Termin. Das restliche Leben muss nicht vor dem Zähneputzen in eine verlässlichere Fassung gebracht werden. Es wird am Montag vermutlich ohnehin eine Rückfrage stellen.
Kochen ohne Wochenprojekt
Anna schnitt Gemüse, ich setzte Wasser auf. Wir hatten kein besonderes Sonntagsgericht vorgesehen. Das kam mir zunächst fast nachlässig vor, bis mir auffiel, dass ich gewöhnlich darüber klage, wie vieles unnötig zu einem Anlass aufgeblasen wird.
Wir sprachen über ihre Woche, dann über etwas, das nichts mit unseren Berufen zu tun hatte. Ich merke oft erst im Gespräch, wie stark die Arbeit meine Auswahl der Themen bestimmt. Als freier Berater kann ich selbst beim Essen einen alltäglichen Satz auf seine Verwendbarkeit prüfen. Es ist nicht immer angenehm, neben jemandem zu sitzen, der innerlich bereits eine Überschrift formuliert.
Das Telefon lag im Flur. Ich hatte es nicht einmal für einen sichtbaren Verzicht auf den Tisch gelegt. Während des Essens fiel mir eine Frage ein, die ich hätte nachschlagen können. Nach dem Essen wusste ich sie nicht mehr. Offenbar war die Welt ohne die Antwort weitergekommen.
Später las Anna, und ich versuchte, in meinem Buch an der Stelle weiterzumachen, an der ich am Vormittag eingeschlafen war. Zwei Seiten waren mir bekannt, die dritte nicht. Ein hinreichend klarer Arbeitsstand.
Die Zeitung blieb ebenfalls auf dem Tisch. Früher hätte ich sie noch durchgeblättert, damit der Sonntag nicht mit ungelesenen Seiten endete. Gestern legte ich sie beiseite. Es war weiterhin dieselbe Zeitung, nur ohne meinen Versuch, sie vor Montag vollständig erledigt zu haben.
Die Stunde, die nichts beweisen muss
Ich weiß, dass ein ruhiger Sonntagabend keine allgemein verfügbare Lebensleistung ist. Menschen arbeiten, kümmern sich um Angehörige, fahren weite Strecken oder haben andere Sorgen als die Wahl zwischen Park und Sofa. Ich erzähle von einer Möglichkeit in meinem eigenen Alltag. Sie wird nicht wertvoller, wenn ich daraus eine Pflicht für andere mache.
Auch bei uns gibt es andere Sonntage. Streit, verspätete Arbeit, eine Kleinigkeit, an der man sich länger aufhält, als man hinterher versteht. Ich kann den Abend nicht durch die richtige Reihenfolge von Spaziergang und Essen gegen alles absichern. Die Aussicht auf einen ruhigen Ablauf ist noch keine Garantie.
Aber ich kann aufhören, eine freie Stunde vorsorglich zu verplanen, nur weil danach eine weniger freie folgt. Das fällt mir schwerer, als es sich aufschreiben lässt. Gestern gelang es ein Stück weit. Ich saß am Fenster, zog schließlich einen Pullover an und ließ den nächsten Tag bis zum nächsten Tag warten.
Um kurz nach zehn nahm ich die Tasche vom Stuhl. Herr Schmitt war längst aufgestanden. Er hatte seinen Platz aufgegeben, ohne einen weiteren Zweck dafür zu brauchen.


