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Der Bembel-Brief ↗

Der Freelancer und die leere Woche

Eine freie Woche sieht zunächst nach Freiheit aus und fühlt sich dann nach Rechtfertigungsbedarf an. Leo prüft, was tatsächlich fertig werden muss und was nur beschäftigt wirkt.

Eine kleine Espressokanne auf einem leeren Kalenderblatt.
Illustration für Dandy Digital

An einem Montagmorgen war mein Kalender fast leer. Ich öffnete ihn ein zweites Mal, um einen technischen Fehler auszuschließen.

Es gab keinen. Ein Termin am Mittwoch, eine Rückfrage für Donnerstag, sonst Platz. Für einen Moment sah die Woche so aus, wie sie in meinen Beschwerden über die vergangenen Wochen hätte aussehen sollen. Ich konnte konzentriert arbeiten, liegen Gebliebenes erledigen und vielleicht einmal vor Einbruch der Dunkelheit einkaufen. Ich empfand hauptsächlich Unruhe.

Wer selbstständig arbeitet, kennt möglicherweise diese eigenartige Umkehr. Ist der Kalender voll, fehlt die Freiheit. Ist er leer, fehlt der Beweis, dass man gebraucht wird. Ich sage das über meine eigene Arbeit als Markenberater in Frankfurt. Es ist keine Beschreibung sämtlicher freier Berufe und erst recht keine wirtschaftliche Prognose.

Ich hatte genug zu tun. Nur nicht alles davon war bereits in Rechtecke mit Anfangs- und Endzeit aufgeteilt. Ein Angebot musste überarbeitet werden. Zwei Texte brauchten eine ruhige Stunde. Ein ehemaliger Kunde hatte vor einiger Zeit gefragt, ob wir wieder sprechen könnten. Die Woche war also nicht leer. Sie war noch nicht von anderen Menschen beschriftet.

Der sichtbare und der wirkliche Arbeitstag

Ich mag den kurzen Blick auf einen gut gefüllten Kalender. Er ist ein sehr sparsames Porträt meiner Person: offenkundig beschäftigt, mehrfach gefragt, rechtzeitig eingeladen. Man muss dafür nicht wissen, ob die Besprechungen sinnvoll waren. Ihre bloße Anordnung stellt bereits eine gewisse Bedeutung her.

Bei alleiniger Arbeit fehlt dieses Bild. Niemand verschickt eine Einladung für die halbe Stunde, in der ich einen schlechten Satz streiche. Ein Kundentermin lässt sich im Nachhinein leicht benennen. Die Arbeit davor wirkt in meinem Bericht oft unscheinbarer, obwohl der Termin ohne sie wenig zu besprechen hätte.

Ich habe mir deshalb für diese Woche zuerst aufgeschrieben, was bis Freitag tatsächlich fertig sein sollte. Auf Papier, damit ich nicht gleich eine weitere Ansicht meines Kalenders gestaltete. Es waren vier Ergebnisse. Keines verlangte, dass ich von acht bis achtzehn Uhr nachweisbar ausgelastet aussah.

Der Unterschied war sofort unbequem. Eine Stunde im Kalender kann man verstreichen lassen. Ein fertiger Text fehlt am Ende entweder oder liegt da. Ich musste mir eingestehen, dass ich die Vorstellung von Konzentration gelegentlich lieber habe als ihre Folgen.

Akquise ohne Festvortrag

Zum leeren Kalender gehört die Sorge um die nächste Rechnung. Die ist nicht allein mit Haltung zu lösen. Ich prüfe meine offenen Angebote, vereinbarte Arbeit und die Dinge, die ich beeinflussen kann. Wenn Zahlen geklärt werden müssen, kläre ich sie. Dieser Text ersetzt keine Finanzplanung und kann niemandem die Unsicherheit einer selbstständigen Existenz wegformulieren.

Was ich allerdings nicht mehr für besonders hilfreich halte, ist mein früheres Akquiseritual. Dabei überarbeitete ich zunächst mein Profil, dann die Beschreibung meiner Leistungen und schließlich eine Präsentation, nach der niemand gefragt hatte. Am Ende fehlte mir die Zeit für eine schlichte Nachricht an einen Menschen, mit dem ich gern gearbeitet hatte.

Diesmal schrieb ich diese Nachricht zuerst. Ich erinnerte an unser letztes Projekt, fragte nach dem Stand einer damals besprochenen Sache und bot ein Gespräch an. Kein Vortrag über die Zukunft der Marke. Kein Hinweis darauf, dass gerade nur noch wenige Termine frei seien. Das wäre auch eine bemerkenswerte Auslegung meiner Woche gewesen.

Eine Antwort kam am Nachmittag, eine andere nicht. Das war weder ein großer Durchbruch noch eine Zurückweisung meiner Person. Ich musste nicht nach jeder Nachricht den Posteingang neu laden. Ich tat es trotzdem ein paarmal. Die Gewohnheit war schneller als die Erkenntnis.

Ein freier Mittag ist noch kein Urlaub

Am Dienstag ging ich zur Kleinmarkthalle, als mein Vormittag abgeschlossen war. Normalerweise hätte ich diesen Satz mit einer Rechtfertigung versehen: Ich arbeitete schließlich später weiter. Als müsse ein Mittag außerhalb des Schreibtischs von einer noch unbekannten Abendstunde beglaubigt werden.

Die Stadt ist zu solchen Zeiten voller Menschen, deren Arbeitszeiten ich nicht kenne. Ich sollte ihre Anwesenheit nicht als Erlaubnis brauchen. Trotzdem half es mir, nicht der einzige Mann mit einer Tasche und ohne sichtbaren Termin zu sein. Manchmal reicht Gesellschaft schon dadurch, dass sie nichts über einen wissen will.

Zurück am Schreibtisch war ich keineswegs verwandelt. Ich hatte Gemüse, eine offene Datei und etwas weniger Lust, mich selbst bei der Arbeit zu beobachten. Der Text ging voran. Die Stunde bekam keinen besonderen Namen.

Am Nachmittag gab es einen Moment, in dem ich einfach Schluss machen konnte. Ich hatte zunächst den Impuls, noch etwas Kleines zu beginnen, um die übliche Uhrzeit zu erreichen. Stattdessen schickte ich den fertigen Text ab und räumte die Küche auf. Niemand fragte, warum die Nachricht schon gekommen war.

Für die nächste ruhige Woche

Ich möchte aus dieser Erfahrung keine Methode mit vier Schritten und einem Arbeitsblatt machen. Für mich bleiben zwei Fragen: Was muss tatsächlich fertig werden? Und welche Gespräche sollte ich führen, statt ihre Vorbereitung immer weiter auszubauen?

Den Rest der freien Zeit muss ich nicht vollständig belegen. Ich kann nachdenken, lesen, etwas anfangen, das noch keinen Auftrag hat. Das ist nicht in jeder finanziellen Lage möglich. Wenn es möglich ist, wäre es jedoch merkwürdig, die Freiheit sofort aus Scham wieder zuzumauern.

Am Freitag sah die Woche im Kalender noch immer ruhig aus. Daneben lagen die vier Ergebnisse auf meiner Liste. Drei waren erledigt. Das vierte hatte ich unterschätzt und mit einem neuen Termin versehen, der diesmal wenigstens eine erkennbare Aufgabe hatte.

Anna fragte am Abend, ob meine Woche gut gewesen sei. Ich wollte „viel zu tun“ sagen, bemerkte es rechtzeitig und sagte stattdessen, was ich fertigbekommen hatte. Das Gespräch dauerte dadurch etwas länger. Zum ersten Mal in dieser Woche fand ich das nicht bedenklich.