Apfelwein mit Eiswürfeln: Eine Selbstkritik
Eine Erinnerung an das eigene Glas beschädigt einen festen Grundsatz. Über Apfelwein, örtliche Gewohnheiten und die Möglichkeit, andere einfach bestellen zu lassen.

Ich habe einmal Apfelwein mit Eiswürfeln getrunken. Nicht aus Versehen. Es war warm, das Glas stand vor mir, und ich fand die Idee zunächst einleuchtend.
Später habe ich über Menschen gespottet, die genau das tun. Das ist mir erst aufgefallen, als Anna mich daran erinnerte. Sie besitzt ein beunruhigend gut geordnetes Archiv meiner wenig belastbaren Grundsätze.
Beim Apfelwein in Frankfurt werden aus Geschmacksfragen schnell Zugehörigkeitsfragen. Wie bestellt man, was darf hinein, was auf keinen Fall? Ich verstehe die Freude an örtlichen Gewohnheiten. Es ist angenehm, etwas wiederzuerkennen und nicht bei jedem Abend von vorn zu beginnen. Unangenehm wird es, wenn aus dem Wiedererkennen eine Aufnahmeprüfung für andere wird.
Ich möchte hier keine Getränkekunde vortäuschen. Mein Geschmack sagt wenig darüber aus, was jemand anders im Glas haben sollte. Wenn Sie Apfelwein zum ersten Mal probieren, können Sie nachfragen, was ausgeschenkt wird und welche Variante Sie bestellen. Das ist höflicher gegenüber dem eigenen Abend, als eine vermeintlich richtige Entscheidung schweigend zu ertragen.
Mir schmeckt er inzwischen am liebsten so, wie ich ihn gerade bestelle. Schon dieser Satz ist für einen Mann, der über Tuchgewichte sprechen kann, eine erhebliche Vereinfachung. Aber die Welt verliert wenig, wenn ich die Bewachung des Nachbartischs aufgebe.
Das gilt auch für Menschen, die etwas Süßes trinken, keinen Alkohol möchten oder nach einer Erklärung fragen. Eine Gaststube wird nicht dadurch gemütlich, dass alle möglichst schnell dieselben Sitten vorführen. Ich würde lieber einen freundlichen Abend haben als einen korrekten Abend, an dem man vorsichtig um mich herum bestellt.
Vor Kurzem klirrte am Nebentisch Eis im Glas. Ich sah auf. Dann sah ich wieder zu Anna. Sie hob eine Augenbraue, und damit war die Sache ausreichend kommentiert.
Bestellen Sie, was Ihnen schmeckt. Wenn Sie mich fragen, was ich nehme, sage ich es Ihnen gern. Einen längeren Vortrag sollten Sie nur bestellen, wenn Sie tatsächlich einen möchten.


