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Der Bembel-Brief ↗

Mein Kalender hat mehr Termine als ich Persönlichkeit

Zwischen Fokus und Fokusabstimmung sucht Leo nach der eigentlichen Arbeit. Ein gelöschter Termin lässt eine Lücke zurück, die diesmal keinen neuen Namen bekommen soll.

Ein dicht beschriebener Kalender neben einer leeren Tasse.
Illustration für Dandy Digital

Mein Kalender enthält einen Termin namens „Fokus“. Direkt davor steht „Kurzer Austausch“, direkt danach „Abstimmung Fokus“. Ich habe diese Woche offenbar nicht nur Arbeit, sondern auch eine kleine Verwaltung ihrer Abwesenheit eingerichtet.

Die Einträge sind einzeln betrachtet plausibel. Jemand braucht eine Rückmeldung. Ein Kunde kann nur zu dieser Uhrzeit. Eine Frage lässt sich im Gespräch schneller klären. Erst nebeneinander bekommen die Rechtecke etwas Komisches. Der Tag ist verplant, bevor feststeht, woran ich darin arbeiten soll.

Ich will Besprechungen nicht grundsätzlich abschaffen. Das wäre für einen Berater ein eigentümliches Geschäftsmodell. Ein gutes Gespräch kann Arbeit ersparen, Missverständnisse beenden oder eine Entscheidung ermöglichen, die in einer Folge von Nachrichten nicht zustande kommt. Nur wird ein Termin durch seine Einladung noch nicht zu einem solchen Gespräch.

Inzwischen schreibe ich mir vor der Zusage auf, was danach anders sein soll. Manchmal ist die Antwort klar. Dann gehe ich hin. Manchmal lautet sie ungefähr: Wir haben uns eine Weile über den Stand unterhalten. Dann frage ich, ob eine kurze schriftliche Rückmeldung reicht.

Das ist nicht immer beliebt. Ich formuliere die Frage deshalb ohne den Ton eines Mannes, der gerade die Besprechungskultur erfunden hat. Häufig habe ich selbst die Einladung verschickt.

Die frei gewordene Zeit muss ich anschließend auch tatsächlich frei lassen. Sonst sammle ich lediglich effizienter neue Termine. Ich habe einen leeren Vormittag schon mit Aufräumen gefüllt, weil mir das sichtbarer vorkam als der schwierige Anfang eines Textes. Ein sauberer Schreibtisch ist eine erstaunlich glaubwürdige Ausrede.

Für morgen habe ich einen Eintrag gelöscht. Der Vormittag sieht dadurch etwas ärmer aus. Ich habe kurz den Impuls, die entstandene Lücke „Schreibzeit“ zu nennen. Dann lasse ich sie stehen.

Wenn jemand fragt, ob ich da Zeit habe, muss ich einen vollständigen Satz antworten, statt auf ein farbiges Rechteck zu zeigen. Das erscheint mir fürs Erste als ausreichende persönliche Entwicklung.