Warum ich mein Smartphone seit Sonntag sieze
Ein Abendessen, ein Paket mit einem Kabel und die Frage, wer hier eigentlich wen unterbrechen darf. Ein kleiner Versuch mit digitaler Höflichkeit.

Seit Sonntag sieze ich mein Smartphone. Das schafft Abstand, jedenfalls grammatisch. Heute Morgen meldete es sich mit dem Wetter, zwei Nachrichten und der Erinnerung, achtsam zu sein. Ich saß bereits am Fenster. Mehr hatte ich für den Moment nicht vor.
Anna fragte, ob ich auch dem Toaster einen Nachnamen geben wolle. Der Toaster, sagte ich, unterbreche mich wenigstens nur, wenn er fertig sei.
Der Anlass für diese neue Förmlichkeit war ein Abendessen. Wir hatten gekocht, nichts Besonderes, und ich hatte das Telefon neben den Teller gelegt. Mit dem Display nach unten. Wer das tut, hält sich gern für einen Menschen, der bereits eine Grenze gezogen hat. Tatsächlich hatte ich lediglich die Richtung geändert, aus der die Unterbrechung kommen durfte. Als das Gerät vibrierte, sah ich nach. Anna hörte mitten im Satz auf.
Ich könnte Ihnen erzählen, es sei eine dringende Kundennachricht gewesen. Es war die Mitteilung, dass ein Paket unterwegs sei. Das Paket enthielt ein Kabel. Ich unterbrach also einen Menschen, um über die bevorstehende Ankunft eines Verbindungsmittels informiert zu werden.
Der Tisch ist kein Wartezimmer
Ich mag Regeln, solange sie mich zunächst nichts kosten. Keine Telefone beim Essen klingt vernünftig. Es wird erst ungemütlich, wenn man derjenige ist, der auf einen Anruf wartet. Oder behauptet, auf einen Anruf zu warten. Als Selbstständiger lässt sich fast jede Unruhe als berufliche Bereitschaft verkleiden.
Bei mir ist die Lage meist weniger dramatisch. Ich könnte dem Kunden am nächsten Morgen antworten. Ich fürchte nur, dass zwischen seiner Frage und meiner Antwort sichtbar würde, dass ich auch ein anderes Leben habe. Das ist eine eigentümliche Angst für jemanden, der seine Unabhängigkeit so gern erwähnt.
Deshalb liegt das Telefon inzwischen beim Abendessen im Flur. Nicht auf einem besonderen Detox-Möbel. Auf der Kommode, zwischen einer Fahrradlampe und einem Brief, den ich noch beantworten muss. Für einen angekündigten wichtigen Anruf kann ich den Ton einschalten und vorher sagen, worauf ich warte. Dann muss niemand während eines Gesprächs erraten, ob die nächste Vibration wichtiger ist als der laufende Satz.
Das funktioniert nicht jeden Tag. Am Donnerstag hatte ich das Gerät wieder in der Hosentasche. Es vibrierte nicht einmal. Ich kontrollierte es vorsichtshalber. Meine Selbstdisziplin ist offenbar auch ohne technische Unterstützung beschäftigt.
Was bei mir noch klingeln darf
Ich habe die Benachrichtigungen einzeln durchgesehen. Das dauerte länger als erwartet, weil erstaunlich viele Anwendungen eine Meinung dazu haben, wann ich mich mit ihnen beschäftigen sollte. Bei jeder habe ich mich gefragt: Würde ich für diese Information jetzt aufstehen?
Nachrichten von Menschen dürfen mich weiter erreichen. Auch da muss nicht jede Gruppe gleichzeitig sprechen. Meine Bank braucht keine Gelegenheit, mich auf redaktionelle Angebote hinzuweisen. Eine Einkaufsanwendung muss mich überhaupt nicht erreichen. Dass ich einmal eine Rechnung in ihr abgelegt habe, begründet keine dauerhafte Gesprächsberechtigung.
Die genauen Menünamen hängen vom Gerät ab. Ich würde Ihnen hier ungern eine Abfolge von Schaltflächen versprechen, die nach dem nächsten Update anders heißt. Entscheidend war für mich, nicht nur leise zu stellen, sondern die Erlaubnis zum Unterbrechen neu zu vergeben. Ein lautloses Display kann einen ganzen Abend beschäftigen.
Das Ergebnis ist keine vollständige Stille. Ich habe schließlich Freunde, Familie und Arbeit. Ich will erreichbar sein. Nur nicht von allem in gleicher Weise. Als die Waschmaschine gestern piepte, war ich sogar dankbar. Sie hatte tatsächlich etwas erledigt.
Die kleine Auszeit ohne Reisegepäck
Über digitale Auszeiten schreibt selbst die Telekom in einem älteren Beitrag über die Kunst abzuschalten. Dass ausgerechnet ein Telekommunikationsunternehmen das Thema aufgreift, finde ich erst einmal angenehm widersprüchlich. Ich muss daraus keine Untersuchung über mein Nervensystem ableiten. Mir reicht die Feststellung, dass ich mich nach manchen Abenden besser an mein Display erinnere als an das Gespräch daneben.
Für einen Digital Detox im Alltag brauche ich deshalb vorerst kein Wochenende mit Handyabgabe und Waldprogramm. Ich brauche eine Stelle in der Wohnung, an der das Telefon liegen darf, während ich etwas anderes tue. Außerdem Menschen, denen ich zugestehe, mich auf einen Rückfall hinzuweisen.
Anna übernimmt diese Aufgabe ohne Zusatzkosten. Sie nennt sie auch nicht Begleitung, sondern fragt: „Hörst du gerade zu?“ Das ist unangenehm präzise.
Wenn Sie es versuchen wollen, nehmen Sie keinen ganzen Lebensentwurf in Angriff. Wählen Sie eine Situation, die Ihnen bereits wichtig ist. Das Abendessen etwa. Oder die ersten Seiten eines Buchs. Legen Sie fest, wo das Gerät währenddessen bleibt und welche tatsächliche Ausnahme gilt. Eine Ausnahme braucht einen Grund, nicht bloß eine freie Hand.
Frankfurt bleibt erreichbar
Beim Weg durch das Westend nehme ich das Telefon mit. Ich nutze Fahrpläne, schreibe Nachrichten und verirre mich gelegentlich sogar in Straßen, die ich kenne. Digitale Zurückhaltung muss nicht darin bestehen, praktische Dinge umständlich zu machen. Ich möchte auch nicht aus jedem Spaziergang eine Prüfung machen, bei der ich mir für einen Blick auf die Uhr Punkte abziehe.
Schwieriger ist der unbemerkte Übergang. Ich suche eine Abfahrtszeit und stehe vier Minuten später noch am selben Ort, während ich etwas lese, das mit der Fahrt nichts zu tun hat. Inzwischen bleibe ich bei einer solchen Abzweigung wenigstens gelegentlich stehen und stecke das Telefon wieder ein. Das sieht von außen wenig eindrucksvoll aus. Es eignet sich auch schlecht für eine Erfolgsgeschichte.
Ich habe keine Bildschirmzeit-Zahl, mit der ich diesen Text ordentlich beenden könnte. Manche beruflichen Tage sind digitaler als andere. An manchen Sonntagen telefoniere ich lange mit meiner Mutter. Das möchte ich ungern als Fehlverhalten verbuchen, nur weil dieselbe Glasplatte beteiligt ist.
Gestern lag das Telefon im Flur, bis wir mit dem Essen fertig waren. Danach sah ich nach. Das Kabel war immer noch unterwegs. Anna hatte ihre Geschichte inzwischen zu Ende erzählt.


