Haltung ist kein Kleiderbügel
Die erste Notiz erklärt, was dieses Journal mit Haltung meint, warum Frankfurt darin vorkommt und worum es Leo Winter bei diesen Notizen geht.

Ich habe für dieses Journal einen Namen gewählt, der mich gelegentlich selbst misstrauisch macht. Dandy Digital. Das könnte nach einem Mann klingen, der Ihnen gleich erklären wird, welche Schuhe in seinem Beisein zulässig sind.
Darum einige Angaben, bevor es losgeht. Ich bin kein Schiedsrichter über den Geschmack anderer Menschen. Ich besitze gute Schuhe, trage zu Hause mittelmäßige Hosen und schaue öfter auf mein Telefon, als ich gern zugebe. Meine Haltung ist nicht fertig. Sie zeigt sich eher darin, was ich nach einem unfreundlichen Satz noch einmal korrigiere, als darin, wie ich beim Aussprechen aussehe.
Was ich mit Stil meine
Ein Teil von Stil ist Auswahl. Ich kann nicht alles besitzen, lesen, besuchen und beachten. Also entscheide ich. An manchen Entscheidungen hänge ich länger: eine Uhr meines Großvaters, eine bestimmte Art, einen Brief zu beginnen, ein Weg durch das Westend.
Diese Vorlieben sind zunächst privat. Sie werden nicht allgemeingültig, weil ich einen passenden Ausdruck dafür finde. Wer seine Schuhe anders pflegt oder überhaupt andere Schuhe trägt, muss mir nichts erklären. Ich kann von einem Gegenstand erzählen, ohne seinen Besitz zur Eintrittskarte für das Gespräch zu machen.
Schwieriger ist die Auswahl der Aufmerksamkeit. Es fällt mir leichter, ein Hemd sorgfältig auszusuchen, als einem Menschen sorgfältig zuzuhören. Beim Hemd gibt es einen klaren Abschluss. Im Gespräch muss ich immer wieder bemerken, dass ich gerade lieber den eigenen nächsten Satz vorbereite.
Dort würde ich gern etwas genauer werden. Dafür brauche ich keine neue Garderobe.
Frankfurt, ohne Ehrenamt als Stadtsprecher
Ich mag Frankfurt. Ich beschwere mich über Frankfurt. Beides geschieht gelegentlich auf demselben Heimweg. Die Stadt ist mein Alltag, keine Kulisse für einen überzeugenderen Lebenslauf.
Mich interessieren die unspektakulären Stellen: eine Pause am Main, der Einkauf, ein Geschäft, in dem jemand sein Handwerk beherrscht, die Frage, ob eine freie Stunde schon verplant werden muss. Ich möchte sie beschreiben, ohne aus jedem Ort einen Geheimtipp zu machen. Dass ich etwas erst spät bemerke, heißt nicht, dass die Stadt es für mich versteckt hat.
Ich werde auch nicht behaupten, für ganz Frankfurt zu sprechen. Mein Blick kommt aus einer bestimmten Wohnung, einem bestimmten Beruf und einem Alltag, in dem manches leichter ist als für andere. Es hilft wenig, diese Begrenzung einmal ordentlich zu erwähnen und danach wieder zu vergessen.
Ein Telefon bleibt ein Telefon
Digitales interessiert mich, weil es sich längst nicht auf eine gesonderte Ecke des Tages beschränkt. Meine Arbeit, Gespräche, Wege und Einkäufe haben damit zu tun. Ich will davon nicht pauschal weg. Ich möchte nur gelegentlich selbst bestimmen, wann etwas dran ist.
Wenn ich über digitale Etikette schreibe, geht es deshalb auch um mein Verhalten. Das Gerät kann unterbrechen. Ich kann entscheiden, ob ich die Unterbrechung zum gemeinsamen Problem mache. Eine Benachrichtigung hat noch keine Tischordnung. Die entsteht durch das, was ich mit ihr tue.
Ich werde hier keine vollständige Lösung für Konzentration anbieten. Es wird Beobachtungen geben, kleine Versuche und Rückfälle. Der Rückfall darf vorkommen, ohne sofort zur besonders wertvollen Lernerfahrung umbenannt zu werden.
Der Blick dahinter
Ich halte diese Notizen für eine persönliche Praxis. Ein persönlicher Ton darf nicht belehren, sondern muss die eigenen Widersprüche aushalten. Wer mehr über meinen Hintergrund, die Arbeit am Schreibtisch und die Entstehung dieses Journals hier wissen möchte, findet auf Über Leo ausführlichere Notizen. Mein Großvater Karl-Heinz pflegte in seiner Werkstatt zu sagen, dass ein guter Schnitt dort beginnt, wo man aufhört, dem Stoff seinen Willen aufzuzwingen. Vielleicht gilt für Notizen über das Leben in Frankfurt etwas ganz Ähnliches: Man muss der Stadt ihren eigenen Rhythmus lassen, statt ihr dauernd ein allzu starres Fazit abzuverlangen.
Vorläufig wünsche ich mir Texte, in denen etwas Genaues steht und gelegentlich etwas Komisches. Wenn ich dabei eitel werde, darf man es merken. Wenn ich unrecht habe, möchte ich es gern berichtigen.
Was dabei gelingt, soll im Text zu sehen sein. Was misslingt, darf stehen bleiben, wenn es zur Sache gehört.
Die Schuhe stehen im Flur. Für heute wäre mir wichtiger, dass ich die Tür nicht wieder zuschlage, während hinter mir noch jemand hindurchmöchte.


