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Der Bembel-Brief ↗

Der Bembel-Brief: Die erste Zumutung

Drei Septembernotizen, ein kurzer bekannter Weg und eine Entschuldigung an den Schneider. Der erste monatliche Brief macht keine Eile und verlangt kein Nachholen.

Ein Bembel, ein Briefumschlag und ein Füllfederhalter.
Illustration für Dandy Digital

Guten Abend,

ich habe lange überlegt, ob die Welt noch einen Brief braucht, der im Posteingang ankommt. Schließlich schreibe ich an anderer Stelle mit einiger Überzeugung über die Zumutungen digitaler Aufmerksamkeit. Nun möchte ich selbst eine kleine davon werden.

Der Unterschied soll zunächst in der Häufigkeit liegen. Einmal im Monat. Keine Folge von Erinnerungen daran, dass Sie den letzten Brief noch nicht gelesen haben. Keine Dringlichkeit, die nur aus meinem Wunsch entsteht, geöffnet zu werden. Wenn Sie diesen Text später lesen, ist ihm dadurch wenig genommen. Frankfurt steht bis dahin voraussichtlich weiterhin am Main.

Der Bembel-Brief sammelt Dinge, die mir im Journal begegnet sind, und einiges, das dort keinen eigenen Text braucht. Drei Notizen, eine Empfehlung, eine Entschuldigung an meinen Schneider. Die letzte Rubrik halte ich für ausreichend tragfähig.

Die Kommode im Flur

Seit einigen Tagen liegt das Telefon beim Abendessen im Flur. Ich hatte darüber bereits im Text über meine neue Förmlichkeit mit dem Smartphone geschrieben. Der eigentliche Erfolg besteht bisher darin, dass ich jetzt genau weiß, wie weit die Küche von der Kommode entfernt ist. Ich habe die Strecke mehrfach zurückgelegt.

Das Problem ist nicht jede einzelne Nachricht. Häufig kommt überhaupt keine. Trotzdem möchte ich nachsehen. Ich finde diese Beobachtung hilfreicher als die Vorstellung eines besonders bösartigen Geräts. Das Telefon liegt nur da. Die Sorge, etwas zu versäumen, bringe ich selbst mit.

Einmal konnte ich den Impuls lange genug liegen lassen, bis wir fertig gegessen hatten. Danach war keine wichtige Information verloren. Ich möchte diese kleine Begebenheit nicht zum Beweis für eine allgemeine Theorie aufblasen. Sie reicht mir vorläufig als Grund, es beim nächsten Essen wieder zu versuchen.

Interessant war auch, wie wenig wir darüber reden mussten, als das Gerät nicht auf dem Tisch lag. Sonst gehörte seine bloße Anwesenheit zur Unterhaltung, auch wenn es stumm blieb. Einer von uns sah hin, der andere bemerkte es. Im Flur war es zunächst einfach nicht im Bild.

Ein Einkauf, der eine Form bekam

Ich war mit einem sehr ungenauen Zettel in der Kleinmarkthalle. „Gemüse“ stand darauf. Eine Notiz, die meinem künftigen Einkauf fast jede Entscheidung überließ und meinem gegenwärtigen Ich bereits das Gefühl guter Vorbereitung gab.

In der Küche wurde daraus eine brauchbare Frage: Was wollen wir heute Abend essen? Die hätte ich natürlich vor dem Weg stellen können. Ich komme nur gelegentlich über den Umweg zu einer einfachen Sache. Beim Kochen half mir das konkrete Gericht mehr als die Vorstellung, ab jetzt grundsätzlich besser einzukaufen.

Ich habe mir für den nächsten Marktbesuch deshalb keine neue Einkaufsanwendung eingerichtet. Auf dem Zettel steht diesmal ein Essen und darunter das, was dafür fehlt. Wenn ich etwas anderes sehe, darf ich mich noch immer umentscheiden. Ein Plan soll den Einkauf erleichtern, nicht seine Abweichungen überwachen.

Außerdem nehme ich eine Tasche mit, die ich tatsächlich tragen möchte. Ich besitze eine erstaunliche Zahl von Taschen, die als Gegenstände tadellos und als Begleitung für Kartoffeln unpraktisch sind. Man kann an seinen Vorlieben arbeiten, indem man sie zunächst benutzt.

Die Schublade bleibt vorerst störrisch

Über die Schere meines Großvaters zu schreiben, hat mir nicht dabei geholfen, die klemmende Schublade zu reparieren. Ich erwähne das, weil Texte sonst so gern den Eindruck erwecken, mit dem treffenden letzten Satz sei auch die Sache selbst erledigt.

Das Hemd mit dem lockeren Knopf ist wieder tragbar. Die Schublade klemmt. Die Schere ist nach wie vor scharf, und ich fasse sie entsprechend vorsichtig an. Es gibt also Unterschiede im Bearbeitungsstand, die mein Text nicht vollständig abbildet.

Vielleicht ist das eine nützliche Eigenschaft eines monatlichen Briefs. Ich kann auf Dinge zurückkommen, ohne jedes Mal einen neuen Anfang zu erfinden. Nicht als Fortschrittsbericht mit farbiger Ampel. Eher als kurze Auskunft darüber, was vom guten Vorsatz im Alltag übrig geblieben ist.

Der Kater hat zu diesem Gegenstand keine Meinung. Er sitzt gelegentlich davor, wenn ich die Schublade öffnen will. Seine Prioritäten sind erkennbar unabhängig von meiner Familiengeschichte.

Eine Empfehlung: der kurze Weg ohne Belegfoto

Nehmen Sie einen Weg, den Sie bereits kennen, und lassen Sie das Ergebnis offen. Das ist meine einzige Empfehlung für diesen Monat. Kein Geheimtipp, kein neu eröffneter Ort und keine Anwendung, die Ihre Strecke sinnvoller macht.

Bei mir ist es ein Gang aus dem Westend hinaus und wieder zurück. Ich nehme das Telefon mit, stecke es aber ein. Manchmal brauche ich es unterwegs. Dann benutze ich es. Die Aufgabe besteht nicht darin, das Gerät unter allen Umständen zu ignorieren. Ich möchte nur nicht vorsorglich jede freie Stelle mit einem Blick darauf füllen.

Wenn mir ein Bild auffällt, muss ich es nicht aufnehmen. Ich kann es auch einfach gesehen haben. Das klingt so selbstverständlich, dass ich es kaum hätte aufschreiben sollen. Andererseits habe ich schon vor einem schönen Licht länger nach der passenden Kamerafunktion gesucht, als das Licht blieb.

Für einen anderen Menschen kann der richtige kurze Weg ganz woanders beginnen. Vor der Tür, um den Block, bis zur nächsten Bank. Ich würde aus meiner eigenen Beweglichkeit keine Vorschrift machen. Eine kleine Unterbrechung des gewohnten Ablaufs muss nicht zwingend zu Fuß stattfinden.

Eine Entschuldigung an meinen Schneider

Ich habe am Telefon gesagt, die Änderung habe „überhaupt keine Eile“. Anschließend fragte ich, ob es vielleicht bis Freitag ginge. Es war Mittwoch.

Ich merke, wie häufig Höflichkeit bei mir zunächst eine freundliche Formulierung ist und erst danach eine Frage an mein Verhalten. Wer wirklich keine Eile hat, muss dem Gegenüber nicht im nächsten Satz einen engen Termin anbieten. Besser wäre gewesen, gleich zu sagen, wofür ich die Hose brauchte, und nach einer realistischen Möglichkeit zu fragen.

Die Hose hängt nun noch bei ihm. Ich nehme für den Termin eine andere. Das ist eine überschaubare Folge meiner eigenen Planung und kein Anlass für einen weiteren Anruf.

Im Oktober werde ich wieder schreiben, wenn genügend beisammen ist. Bis dahin erscheinen einzelne Texte im Journal. Sie müssen zwischen zwei Briefen nichts nachholen, um beim nächsten wieder einzusteigen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Abend. Falls Sie diesen Brief noch nicht zu Ende lesen wollten, dürfen Sie ihn auch später wieder aufnehmen. Der letzte Satz wird sich bis dahin nicht über Sie beschweren.

Ihr

Leo Winter